(1) Eine simple Angelegenheit war es. (2) Meine erste positive Erfahrung mit der Bürokratie. (3) Bescheiden und naiv. (4) Etwas einsam. (5) Wichtig. Unwichtig. (6) Fotos
(1) Man geht also mit seinem Ausweis und seiner apostilierten Geburtsurkunde zum hiesigen Standesamt, holt sich einen Termin, macht einen obskuren Bluttest, geht zum vereinbarten Zeitpunkt hin, bringt zwei Zeugen mit Ausweisen mit - diese müssen "in gutem Zustand sein", darauf wird man ausdrücklich hingewiesen - hört sich den Eid an, unterschreibt und... fertig.
Achja, am Ende der Prozedur hat man ungefähr 20 Pesos (3,50€) an Gebühren für diverse Stempel bezahlt.
25.09.2007
Cordoba (Hauptstad der Provinz, Argentinien)
(2) So unkompliziert es klingt, gedacht ist und für den normalen Argentinier auch ist, logischerweise ist alles im Falle einer internationalen Ehe etwas schwieriger. Dies hatte in meinem Falle hauptsächlich meine Mutter auszubaden, welche diverse Stunden auf deutschen Behörden zugebracht hat und viele Euros in Urkunden, Apostillen, versicherten Briefen und anderen Dingen investiert hat. Den allerliebsten Kuß dafür, an dieser Stelle!
Zuerst hatten wir uns schlecht informiert, kamen mit der originalen Geburtsurkunde und einem nicht benötigtem Dokument (eine Wohnsitzbescheinigung mit Ledigkeitserklärung, hatten uns Freunde gesagt... was natürlich nicht stimmte; Argentinier sind grundsätzlich hilfsbereit und überzeugend, mit dem was sie sagen, auch dann, wenn sie keine Ahnung haben, oder selbst alles durcheinanderbringen...) Auf jeden Fall interessierte die Wohnsitzbescheinigende Leidigkeitserklärung in Argentinien niemanden (Wozu soll das gut sein? fragte man mich.. Ehestatus und Adresse stehen doch im Paß...), dafür muss die Geburtsurkunde eine aktuelle sein.
Dann war zwar der Zustand der Ausweise der Trauzeugen gut, aber dasselbe konnte man bei weitem nicht vom Paß der Braut sagen, den die Mutter irgendwann mal mitgewaschen und wieder zusammengetackert hatte... wahrscheinlich ist dies der standardgemäße Zustand eines authentischen einheimischen Passes. Und ebenso wahrscheinlich der Grund für das Nichtzusandekommen diverser argentinischer Ehen.
Und das Krankenhaus, wo man Schlange stehen muß, um sich dem vorehelichen Bluttest zu unterziehen von dem kein Mensch weiß, was dort eigentlich getestet wird, das streikte an den drei Terminen die wir hatten. Die Termine waren um 07:30 wohlgemerkt, was jetzt einen durchschnittlichen Deutschen nicht weiter schockt, aber uns durchaus einige Schwierigkeiten bereitete... man bedenke, dass wir einen "Rhythmus" haben, der uns weit nach Mitternacht ins Bett bringt, und die vierjährige Prinzessin ist gewohnt bis neun oder elf zu ratzen.
All dieses Chaos beeinflusste den Prozess jedoch nicht im geringsten, alles ging gut, die verschrumpelte Blondine, die Chefin der Hochzeitsabteilung des Standesamtes höchstselbst, welche unseren Fall betreute war freundlich, zuvorkommend, nachsichtig, außerhalb der Bürozeiten zu sprechen, schrieb eine Empfehlung, stempelte, akzeptierte, erklärte und erledigte alles mit routinierter Gelassenheit.
Auch wenn ein offizielles Dokument in Argentinien auf einen beliebigen Schmierzettel gestempelt werden kann, und meine "internationale Geburtsurkunde" (7-sprachig!) mit wuchtigem deutschen Apostillenstempel beeindruckender aussieht, als das, was nun unser "Ehezeugnis" ist, so ist mir die "liederliche" argentinische Bürokratie doch bei weitem die liebste, die ich bisher kennengelernt habe. Sie ist genauso unsinnig, undurchsichtig und zeitraubend, wie die unsere, aber das Wesentliche ist: Man kann mit den Beamten hinter Schalter 27B und dem Lila Formular verhandeln.
(3) Obwohl dieses Ding mit der Ehe eine Konstante des menschlichen Lebens ist, gehen die jungen Bräute und Bräuter doch Generation für Generation naiv und ahnungslos in die Falle, "auf bis der Tod sie scheidet." Zumindest in die erste Ehe.
Die Anzahl der Eheschließungsveteranen ist wahrscheinlich auch in den scheidungswütigen nach-68ern verhältnismäsig gering, und zumindest für meinen Fall weiß ich einfach nicht, wo ich jemanden treffen soll, der sich mit dem Thema "argentinisch-deutsche Ehe mit 1,5 Kindern" auskennt. Google findet nichts zu diesem Stichpunkt und die einzigen Freunde die wir haben, die etwas ähnliches machen, hüllen sich in Schweigen und sind wahrscheinlich selbst zutiefst damit beschäftigt, das Papier zu bekriegen, als dass sie uns mit hilfreichen Tips zur Seite stehen können.
Demzufolge müssen wir unseren Weg selbst gehen und dabei womöglich all die Fehler machen, die man machen kann... wir haben uns entschlossen, offen und ehrlich zu sein und mit unserer Geschichte blauäugig auf die Behörden zu gehen und alles zu tun, dass diese für "notwendig" und "ordentlich" halten.
Das nächste Fettnäppfchen ist uns gewiß, wir nehmen schon heftig Anlauf.
Die Veranstaltung im Standesamt dauerte eine Stunde, vier Zeugen waren Anwesend, zur Feier in der Nacht waren neun Freunde anwesend (drei davon ahnungslose Prinzessinen von 5jahren, oder weniger), es gab Wein, und jeder kochte seine Spezialität; ich machte den Hochzeitskuchen selbst, den mittlerweile legendären Sonnenblumenkuchen, allerdings um die Mohn-Karamell-Knusper-Schoko-Glasur verfeinert.
Sehr entspannt, irdisch, angenehm... bescheiden eben.
Ein paar Überraschungen gab es doch: Gretas Mutter war "gut"gelaunt, zumindest war der blutsaugende, mörderische, traumatriefende Streit vom Vortag für eine Weile weggewischt.
Im Haus von Greta wartete eine gigantische, geblümte Polyesterbettdecke auf uns, mit einer Glückwunschkarte von den Frauen der Cooperadora von Gretas Schule (ich werde das jetzt nicht ausführlicher erklären... kann es auch gar nicht.)
Die Lehrerinnengewerkschaft von Gretas Mutter schenkt uns zur Feier des Anlasses zwei Tage in einem mittelmässigen Hotel in den Bergen... Agus wird das riesig freuen, aber für sie müssen wir bezahlen :)
Sehr freute mich die Stimmen meiner Großeltern: Die klangen lebhaft am Telefon, und wünschten mir aufrichtig das Allerbeste, obwohl ihnen mein Treiben wahrscheinlich am unverständlichsten ist, von allen Menschen auf dieser Welt, die mich lieben.
Der einzige Anruf, den ich bekam, war frühmorgens. Eine unbekannte Stimme sagte sehr aufgeregt auf Spanisch: "Hallo, Dominik? Bist Du das? Ich bin es, deine Großmutter!" Und so lernte ich meine neue Großmutter Laura de Rokha aus Venezuela kennen, Mutter von Daniel di Mauro, meinem Schwiegervater... nach den sechs Minuten Lebensdauer ihrer Telefonkarte hatte sie sich bereits in mich verliebt und jetzt habe ich eine Verabredung mit ihr in den Tropen, zum gemeinsamen Kuchen backen.
(4) Nunja, wie nicht anders zu erwarten, fühlte ich mich etwas einsam. Das lag vor allem daran, dass mein Trauzeuge und bester Freund hier Camilo (der lange, esoterische-Aikido-Architekt) nicht auftauchte. So war ich mit den vier Frauen allein... das Niveu der Einsamkeit überstieg allerdings nicht das normale "ich bin am andern Ende der Welt"-Gefühl, dass einen manchmal überkommt, wenn man genau dort ist. Die Einsamkeit war eher geschlechtlich.
Camilo hatte allerdings eine gute Ausrede, er lag vier Stunden unter dem Bohrer, zu einer Wurzelbehandlung, von der er gehofft hatte, dass sie nur eine Stunde dauern würde. Am Ende machte das keinen Unterschied, denn sein Ausweis hätte das Kriterium des guten Zustandes auf keinen Fall erfüllt.
(5) Ein großer Moment. Man schwört sich Treue. Und gegenseitige Unterstützung. Man macht seine Liebe offiziell. Man gründet eine Institution, die Familie. Man wird ein guter Staatsbürger... ähhh... nunja. Halt mal.
Ja, wichtig. Ich habe durchaus geweint, vor dem Standesamtssessel. Weil ich nunmal anfällig bin für Polemik, ich muss zugeben, sie gefällt mir sogar und ich habe sehr eine polemische Ader.
Aber all dies war nicht ganz genau so: Greta wollte niemals heiraten. Auf ihrem Rücken trägt sie ein Tattoo, dass ausdrückt, dass sie niemals Kinder in diese beschissene Welt setzen wollte. Sie wollte auch nicht alt werden.
Ich schon, ich wollte all dies. Schon immer. Braucht man dazu die Ehe? Nunja, wir schon, denn ich will auch die Welt sehen... und wir wollen dabei zusammen sein. Jedem Konsularbeamten immer wieder zu erklären: Dies ist meine Lebensgefärtin mit ihrer Tochter Agus und mit unserem Kind (Sofia, Valentin/a). Dürfen wir bitte deren Großeltern besuchen? Das ist dann auf die Dauer doch unerträglich. Eine Zweckehe, also; aus rein bürokratischen Gründen. Und weil wir schwanger sind, und eine Mutter und das Kind doch alle nur mögliche Sicherheit brauchen.
Und weil wir uns lieben und endlich miteinander schlafen wollen.
Und wegen der Steuer.
Wir waren also eine Stunde vor dem Akt auf einem netten Platz in der Nähe des Standesamtes verabredet, um gemeinsam hinzugehen und uns vorher so richtig ineinanderzukuscheln. Greta schaffte es geradeso rechtzeitig zum Ja-sagen.
Ich blieb die Stunde allein auf dem Platz im prallem Frühling, mit MP3 im Ohr, und... dann bin ich zum Standesamt getanzt, mit Tränen auf den Wangen. Allein, ich war pünktlich wie verabredet, 15 Minuten vorher dort, immernoch allein, von Braut und Zeugen keine Spur; ich schloss die Augen die Frühlingssonne trocknete mein Gesicht.
Und ich war da, lebendig, gesund mit voller Kraft und.. an diese Stelle verweise ich auf den Anfang dieses Blogs, wo ich über die Freiheit gesprochen habe... ich war da mit Leib und Seele, an genau dem Ort, an dem ich sein wollte. In meinem Gedanken formte sich das Bild eines gehörnten Stieres, der auf einem steinernem Meer von einer gewaltigen Welle zum Horizont getragen wird... (Mein Sternzeichen ist Stier, für diejenigen, die versuchen dieses Bild zu interpretieren.)
Ich sage "Ja" zu all dem; es war aus tausend Gründen wichtig, und unwichtig war es auch; vor allem deshalb, weil wir, das frischgebackene Ehepaar, sowieso alles "falsch" machen... oder zumindest nicht in der "richtigen" Reihenfolge. Hochzeit und Kinder, während wir selbst noch Kinder sind, viel zu lange Kinder geblieben sind, kein Haus oder Nest gebaut haben, nicht wissen in welchem Land wir wohnen werden, keine Arbeit haben, keine Berufung, und kein Talent zur Blüte gebracht haben...
"Was macht das schon? - Wir können uns ja immer wieder scheiden lassen..."
Dann werden wir einen Haufen Probleme mehr haben, aber... was solls? Was haben wir schon zu verlieren? Die Freiheit jedenfalls nicht, wegen eines Eides, der uns beiden nur all zu transparent erscheint als das, was er ist: Der vergebliche Versuch der Menschen, etwas Festes zu erfinden in einer Realität, die alles andere als fest ist.
Aber warum auch nicht? Am Ende sind wir doch Menschen und mögen wir auch Skeptiker und Ketzer oder Spieler sein, so lassen wir uns doch gern mit einem Lachenden und einem Weinenden Auge auf das Spiel der Zivilisation ein.
Wir haben nicht mal Ringe.
(...um sie ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden...)
Wir werden uns Tattoos machen lassen. Nachdem sich Gretas Anti-Kinder-Tattoo in einen Schmetterling verwandelt haben wird.
Wir werden auch ein rauschenden Fest machen... mir gefallen Rituale, oder zumindest etwas mit Kunst... zum geeigneten Zeitpunkt, und wenn uns der richtige Ort und die richtige Art und Weise eingefallen ist. Wir werden Flitterwochen machen... zu Neujahr, ein paar Wochen in Venezuela. Dieser große Prozeß wird unsere Hochzeit sein, und das "Ja"-Wort auf dem Standesamt, war eben eher der Anfang. Einer der uns allerdings deutlich gezeigt hat, wie ernst alle Welt so eine Heiraterei nimmt, denn tausend stereotype Fragen und Erwartungen und Ängste stürmen von allen Seiten auf uns ein, stecken uns an und setzen uns unter Druck, so dass wir durchaus nicht leugnen können, dass dies ein großer und wichtiger und jahrtausendealter Eid ist, den wir da leisten. Nur nehmen wir es etwas anarchistisch: Zu fünfzig Prozent werden wir alt und sauglücklich zusammen, und zu fünfzig Prozent fahren wir den Karren in den Dreck, und waren - zumindest die meiste Zeit - sauglücklich dabei.
Zu hundert Prozent fügen wir unseren Ziegelstein zur Mauer der Zivilisation hinzu, welche die Menschen zu errichten versuchen, um sich vorm kosmischen Chaos zu schützen. Hoffentlich ist unser Stein etwas bunter, als die anderen, ringsumher.
(6) Wahrscheinlich ist dies der längste Blogbeitrag bisher... ein weiteres Zugeständnis daran, dass die Ehe doch etwas außergwöhnlich wichtiges sei, und ein weitere Schritt dahin, sie dazu zu machen. Zum Schluss eher ein kleiner Hopser, ein paar Worte zu den Personen die beim Prozeß anwesend waren:
Die bebrillte, schwarzhaarige Schönheit ist die Mutter von Greta;
Die Bäuche (achter, fünfter und dritter Monat) gehören zwei von den drei Trauzeuginnen und der Braut. Kinder sind keine Seltenheit, wie in Deutschland. Schade, denn schwangere Bäuche gehören zum Schönsten was es gibt, auf dieser Welt. Dass dies nicht in unserer Kultur verankert ist, dafür beschuldige ich jetzt die Griechen und die Christen... oder wieviele Statuen und Ölschinken mit Bäuchen von Schwangeren kennt ihr?
Die Trauzeuginnen (vlnr): Vero, Caro, Lucia.

Vero ist groß und bissig und schön, mit einem riesigen, adligen und äußerst sympathischen Künstler verheiratet; der macht Metallskulpturen und trinkt viel Bier. Sie ist entwaffnend scharfzüngig, wohnt in einem kleinen, geschmackvoll eingerichteten Haus. Ihre erste Frage auf die Neuigkeit der Hochzeit war: "Greta, was wirst du anzuiehen?" Ihre zweite: "Darf ich dich schminken?"
Caro ist Biologin, Mutter von zwei Töchtern, Hausfrau, arbeitet nebenher in einem Call-Center; ihr Mann macht Geschäfte, und wird bald Versteigerer sein (der Typ mit dem Hammer.) Sie haben sich ein Haus gekauft, der Garten wird eine Pilzaufzuchtsstation, ihre zwei entzückenden Töchterlein sammeln mit Begeisterung Krabbeltiere. Schlumperig, sehr warmherzig und besorgt, war ihre erste Frage and Greta: "Und was, wenn du dich in einen anderen verliebst?"
Lucia ist eine (der zwanzigmillionen) Cousinen von Greta. Sie ist Puppenspielerin und wird in dieser Woche ihr Apartement räumen, damit wir für zwei Monate dort einziehen können. Sie hat eine kratzige Stimme, ihre Nase macht komische Sachen beim Lachen, was sie sehr oft tut, und ist ein durch und durch liebenswertes Künstler-Persönchen, tanzt und singt...
Die rosa Prinzessin, Agus.
Sie war nicht anwesend, bei der Hochzeit, um Probleme mit dem Vater zu vermeiden. Diese Entscheidung schmerzte Greta sehr; vielleicht war es auch unnötig, denn die kleine ist göttlich und wir (die Erwachsenen, ich nicht!) haben uns mittlerweile so oft verplappert, dass sie über unsere Zukunftspläne genausestens bescheid weiss, auf ihre kindlich unschuldige Art. "Eines Tages werden wir alle in Deutschland zusammen Rad fahren! Aber erst muss ich besser deutsch lernen..." sagt sie. Oder: "Zu meinem Geburtstag werden wir an den Strand gehen." Oder: "In unserem neuen Haus werden wir dies und das haben..." Und: "Ich muss die ganze Welt kennenlernen!"
Auf jeden Fall explodiert sie gerade (das ist die Steigerung von "wachsen") und lernt, wie man einfach jeden um den Finger wickelt, der irgendwie größer ist, als sie...
Alles ist gut!

3 Kommentare:
du hast es getan . . . ich kann es irgendwie immer noch nicht so richtig greifen . . .
Dankeschön für den Kuss, eine entfernte Verwandte...
Mensch, wuch wenns spät kommt, herzlichen Glückwunsch! :)
Kommentar veröffentlichen